Theater Niederbarkhausen


SPRECHTHEATER NIEDERBARKHAUSEN

Unabhängiges Privattheater in Leopoldshöhe

 

Leitung: Dr. Fritz U. Krause & Katrin V. Kwapich

Theater für kulturelle Evolutionsexperimente

Theater für poetische Weiterverarbeitung

Theater für demokratisch-anarchische Diversität

Theater für digitale Humanität

Spielort auf GUT NIEDERBARKHAUSEN 

Eigentümer: Hubertus von Daniels

Barkhauser Weg 22

33818 Leopoldshöhe

 

 



Theater Niederbarkhausen (2020)

fritzudokrause-theaterniederbarkhausen.de

 

Aufklärung - Verklärung Abklärung Überklärung. 

Begriffs-Archäologie für die Theaterarbeit

 

Die Bühne inszeniert „abgeklärt”, ist eine genealogische Assemblage, eine künstlerische Kombination „aufklärender Herkünfte” (mit Michel Foucault gedacht).

 

Das antike Denken (500 ante bis 500 post) erfährt in Ablösung des christlich (allreligiösen) verklärenden Mittelalters (500 post bis 1500 post) eine „Wiedergeburt (Renaissance). Mit ihr läutet  sich die europäische Neuzeit (1500 post bis heute ) ein. Dabei wird „Aufklärung” zum orientierenden Begriff einer historischen Epoche (1680 bis 1800 nach Werner Schneiders). Die begleitende Philosophie transformierte die aufklärerischen Ziele in erfolg- und nutzenbringender Vervollkommnung: vom Glück (u. a. Epikur), zur Pflicht (Kant), (heute) zum kommerziellen Gelingen (Kapitalismus). 

 

Der logische Umgang mit dem Begriff „Aufklärung” kennt keine zeitliche (epochale) Eingrenzung. Hier im Text wird der Standpunkt der „Wahrnehmung des Wahrnehmens” bevorzugt (Heinz von Foerster). Es geht um die wechselseitige Beziehung zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem. Methodisch ist es (u. a.) die möglichst genaue Trennung zwischen Erkenntnis-Fragen, die (wissenschaftlich) beantwortbar und entscheidbar sind, und Erkenntnis-Problemen, die unlösbar und unentscheidbar, das heißt prinzipiell metaphysisch sind. Von besonderem Interesse sind hier die „regulativen Prinzipien” (Kant), wie zum Beispiel „Kausalität” (Hume, Kant) oder „Freiheit”, die zwar bis heute „Probleme” bleiben, aber für die denkerisch pragmatische Weiterarbeit wie beantwortete Fragen behandelt werden. Aufklärung heißt (hier) stets zu versuchen, die Grenzlinie für die Wahrnehmung von den Problemen weg hin zu den beantwortbaren Fragen zu verschieben. „Probleme” müssen also in (berechtigte) Fragen transformiert werden. Ihre methodische Beantwortung wird als „wissenschaftlich” beziehungsweise evidenzbasiert gewertet. Hier bleibt aber das Problem, dass der Mensch in allen Bereichen des Daseins auf analoge Fragestellungen (Douglas Hofstadter 2013) angewiesen ist und dass schließlich sogar Rationale Dummheit (Rationale Dummköpfe” Amartya Sen 2020) den Verstand reglementiert .

 

Das 18. Jahrhundert (beginnend im 17. Jahrhundert) nennt man (geschichtlich, nicht genealogisch besondernd) die Epoche der (gemäßigten) moderaten Aufklärung (Jonathan Israel). Die „Mäßigung” besteht darin, dass bei der Unterscheidung zwischen Frage und Problem der Mythos göttlicher Schöpfung (wahrheitlicher Kreationismus) - wenn auch äußerst  zögerlich (David Hume) - öffentlich aufrecht erhalten wird. Zugleich aber beginnt der Mensch, sich für mündig zu erklären, dem eigenen Selbst und seiner Vernunft (als Kontrollvernunft) zu vertrauen. Es ist eine begrenzte Freisetzung des Menschen. Den Fortschritt suchend, löst eine „Moderne” jetzt im Bewusstsein die jeweils vorige ab. 

 

Im 19. Jahrhundert erfährt diese kulturelle Entwicklung durch die konsequente Infragestellung und Problematisierung Gottes und im Besonderen durch die Durchsetzung der Evolutionstheorie (Charles Darwin, 1859) die äußerste Verschärfung hin zur radikalen Aufklärung. Die Evolutionstheorie erschwert jegliche teleologische Hoffnung auf ein Gottesreich, indem sie (gegen göttliche Gewissheit) Kontingenz (Zufälligkeit) zum grundlegenden Erhaltungsprinzip der Welt erklärt. Es ist eine radikale Freisetzung des Menschen vom personalen Schöpfungsgedanken und dem entsprechend intelligenten Design. Das nötigt zur Einsicht in die abhängige Zugehörigkeit zu einem apersonal bewegten, sich ereignenden Sein. Es ist ein Sein, dessen Zukunft der Vergangenheit nicht ähneln wird (Hume). 

Die Bestimmungen dieser Zugehörigkeit sind so weit angelegt, dass sie partielle Freiheiten autark menschlicher Gestaltung zu erlauben scheinen. Dafür stehen die erfindungsreiche Technik. und die frei synthetisierende Kunst. Das offene Universum wird zum Muster offener Gesellschaften und in ihnen offener Individuen (Karl R. Popper). 

Diese Vorstellung nötigt den mündigen Menschen aber auch dazu, die hoffnungsvolle Aufklärung durch eine ernüchterte Abklärung aller Erkenntnisthemen zu ersetzen. Mit der (hier von mir begrifflich vorgeschlagenen) Epoche der Abklärung ergibt sich ein kritisch revidiertes mentales Verständnis („Abklärung” nach Paul / Betz). Enthält nämlich die (ideologisierte) historische Aufklärung noch die Merkmale „Fortschritt”, „Höherentwicklung”, „Erlösung”, „Welteroberung”, so ist Abklärung als ein irdisch bescheidenes, sich selbst regelndes Einstellen (Einbürgerung auf Erden) auf Unvermeidbares und damit Problematisches im Rahmen evolutionären Zufalls zu verstehen. Ihr Ziel könnte ein menschlicherer Humanismus sein, die Wiederbelebung der „Weisheit”. 

Diese „Abklärung” vermeidet unangemessene Versprechen auf die Zukunft. Die überwundene Verwechslung von Fragen und Problemen wäre zudem eine klare Absage an die spekulative Metaphysik. Sie bemüht sich damit, zu Problemen eine geregelte Einstellung zu entwicklen, auf alle Fragen menschlicher Existenz seriöse Antworten zu geben. „Seriös” sind alle Antworten, die zu einer gelingenden pragmatischen Nutzung menschlicher Existenz im Lichte der Evolutionstheorie und der Zufälligkeit irdischer Zustände führen. Die liberale Welt hat sich in diesem Sinne zu einem nüchternen Humanismus: zu demokratischem Politisieren , zu kulturellem Zivilisieren (auch der Wirtschaft) und zu wissenschaftlicher Überprüfbarkeit, entschlossen. Dieser Entschluss steht im Lichte einer am Gemeinwohl orientierten (subjektiven) Individuierung von Menschen und Dingen.

Dieser Neue Humanismus (Helmut Fink) in der anhaltenden Zeit Epoche der Abklärung (Terminus F. U. Krause) hat die traditionelle Aufklärung samt ihren metaphysischen und totalitären Versuchungen (überzeitlichen, religiösen und säkularen Erlösungsversprechen) aufgegeben, um die real verbleibenden Chancen des evolutionären Zustands der Menschen im Sinne einer „noblen” Menschlichkeit zu nutzen (Bertrand Russell, Theodor Lessing, Hilary Putnam ). Die Epoche der Abklärung setzt auf die allgemeine „Achtung” des Menschlichen und der „kühnen Ideen” (Popper)” und ist skeptisch gegenüber aller hierarchisierenden, ehrenden „Menschenwürde”.

 

Traditionelle Gegenbewegungen zur Theorie der Aufklärung und der Theorie der Abklärung sind u. a. die Romantik, der traditionelle Humanismus, die monotheistische Religionen und die politischen und kulturellen Autokratien und alle hierarchisierenden Bewegungen.

Die radikalen Aufklärer, ohne Sinn für „Abklärung” und mit der Neigung zur „Überklärung” stehen dagegen in Gefahr, sich zur hybriden Selbstvergottung zu steigern und mit Methoden der künstlichen Intelligenz, mit körperüberwindendem Enhancement  und mit wirtschaftlicher Absolutheit ein geologisches und kulturelles Anthropozän zu erzeugen und als Fortschritt auszurufen.

 

Eine „neue moderate Aufklärung” kann heute als „Kritik” im Sinne von „kritischer Bestandsaufnahme” (Kant) verstanden sein, wobei „Vernunft” im herkömmlichen (etymologischen) Sinne als wahrnehmende „vernehmende”(Vernunft) antwortmögliche Fragen und unlösbare Probleme genau zu trennen versucht. Das gilt auch für die Verwendung eines zur Anmaßung neigenden  Verstandes. und die eitle Macht des Wissenspositivismus. 

 

„Fragen” infragezustellen bildet das Paradoxe des Problems „Mensch” bühnenbrauchbar ab: Theater Niederbarkhausen

Dr. Fritz U. Krause, 2021

 

Literatur

Hermann Paul, Werner Betz (5. A. 1966). Deutsches Wörterbuch. Tübingen (Niemeyer) 

 

Offene Gesellschaft - offenes Universum. Franz Kreuzer im Gespräch mit Karl R. Popper (1982). Wien (Franz Deuticke)

 

Heinz von Foerster: Wahrnehmen wahrnehmen. In: Aisthesis. 5. A. 1993: 434-445. Leipzig  (Reclam)

 

Pierre Manent (1994): An Intellectual History of Liberalism. Princeton (New French Thought)

 

Amartya Sen (1977, 2020:) Rationale Dummköpfe. Ditzingen (Reclam)

 

Werner Schneiders (Hg 2001): Lexikon derAufklärung. München (Beck)

Hilary Putnam (2002 hg v. Raters / Willaschek): Hilary Putnam und die Tradition des Pragmatismus. Frankfurt/M (Suhrkamp)

 

Jonathan I. Israel (2006): Enlightenment Contested. Oxford (University)

 

Helmut Fink (Hg 2010): Der neue Humanismus. Aschaffenburg (Alibri)

Douglas Hofstadter & Emmanuel Sander (2014): Die Analogie. Stuttgart (Klett-Cotta)

 

Fritz U. Krause (2014): Eine Poetik der Weiterverarbeitung. Leopoldshöhe (Theater Niederbarkhausen)

 

 

PRESSEMELDUNG

NEUE WESTFÄLISCHE am 28.12. 2020.       G. Held

Das Theater Niederbarkhausen ist auf dem gleichnamigen Gut zuhause.

Dort werden Stücke gezeigt, die auf einem hohen Niveau angesiedelt sind.

Das Theater als Ort der Gesellschaftskritik

 

Leopoldshöhe. Das, was Fritz Udo Krause auf dem Gut Niederbarkhausen betreibt,

ist selbst mit dem Wort Enthusiasmus nur unzulänglich beschrieben.

Vor mehr als 20 Jahren gründete er eine Laientheatergruppe

und benannte sie 2013 nach dem Gutshof Niederbarkhausen.

Die Laiendarsteller entwickelten sich und mittlerweile lässt sich ohne Übertreibung sagen,

dass das Theater Niederbarkhausen eine hohe Qualität erreicht hat.

Das Ensemble umfasst 15 Darsteller, die nach Bedarf eingesetzt werden.

Und auch die Stücke sind jenseits dessen, was man bei einem Laientheater erwartet.

Sie sind in hohem Maße gesellschaftskritisch.

Sprachlich ungemein ausgefeilt, mit intellektuellen Texten bringt Krause, der viele der Stücke selbst oder,

seit mehr als 30 Jahren, mit der Co-Autorin Katrin Valeska Kwapich geschrieben hat,

die Gesellschaftskritik mit dem Florett an. Holzhammermethoden?

Nein, so etwas wäre bei Krause nicht vorstellbar.

Doch die Stücke sind kein theoretisches Theater.

Krause legt Wert darauf, dass die Produktionen sinnlich, musikalisch und unterhaltend sind.

Dass sie trotzdem den Nerv der Zeit treffen, unbequem sind, weil sie zum Nachdenken geradezu auffordern,

zeigt das Stück „Smarte Rekrutierung“ aus dem Jahr 2019.

Basierend auf der Wortkunst des Dichters und Dramatikers August Stramm,

der im September 1915 nach 70 überstandenen Gefechten fiel,

wird die Anti-Kriegsthematik deutlich aufgezeichnet.

So deutlich, dass Krause nach der Aufführung des Stückes Droh- und Hassbotschaften im Internet bekam.

„Das ficht mich nicht an“, sagt er. „Nach einigen Wochen waren die Kommentare wieder gelöscht.“

„Mir macht es Freude, Dinge zu gestalten“, sagt Krause.

Und im Gespräch entsteht leicht der Eindruck, dass es Krause zu einem großen Teil darum geht,

die Darsteller sich entwickeln zu lassen.

Stücke fernab des Mainstream zu spielen, sei ihnen nur möglich,

weil sie das Theater aus der Kommerzialisierung herausgenommen haben.

Die Kunst und der Dienst an der Kunst stehen für Krause und die Theatergruppe ganz oben.

Ganz bewusst setzen sie ein Zeichen gegen die zunehmende Abwertung der Kunst

und verzichten auf Eintrittsgeld für die Aufführungen.

„Kultur ist harte Erarbeitung ästhetischen Lebens und bleibt zudem brotlos“, sagt Krause.

Hoffen auf ein Wiedererwachen des Kulturlebens.

Natürlich sind in dieser Zeit auch beim Theater Niederbarkhausen die Corona-Schutzverordnungen

schmerzlich zu spüren. Die Probenarbeit ist gänzlich zum Erliegen gekommen.

Die Darsteller lernen ihre Rollen zuhause, jeder für sich.

Das neue Stück ist eigentlich ein altes, denn „Zahltag – Der Tod setzt auf Gewinn“

hat Krause bereits vor einigen Jahren geschrieben.

Die Regie für die Inszenierung in der Remise des Gutes Niederbarkhausen führt Petra Plake.

Die Wahl von Plake als Regisseurin soll dem Stück „mehr Weiblichkeit, mehr Empathie geben“.

Es ist die tragisch-komische Geschichte eines vorausgesagten Todes, ja sogar des Sterbetages.

Der Protagonist bekommt von einer Wahrsagerin das Datum seines Ablebens genannt. 

Und mit der Bekanntgabe dieses Wissens setzt „die Vermarktung eines sonst so erhabenen Ereignisses ein“,

sagt Krause. Alle Sterbeprofiteure geben sich ein Stelldichein:

der Arzt, die Sterbedesignerin, der Bestatter,

der Lebens-Coach

und der Lehrer fernöstlicher Weisheit.

Aber auch die Mutter des Protagonisten, die kontrapunktisch verärgert ist,

weil sie um die Aufmerksamkeit des eigenen Todes fürchtet.

Da ist aber auch die sehr viel jüngere Ehefrau des Protagonisten,

die auf der einen Seite die Skurrilitäten ihres morbid-senilen Mannes aushält

und doch hinter der Maske fürsorglicher Beflissenheit auf des Gatten Ende wartet.

Diese Todeserwartung durchlebt sie als Dessous-Party und Altenpflege.

Und dann kommt er, der befürchtete und gleichzeitig ersehnte Todestag – und geht vorbei.

Der Todgeweihte, körperlich noch sehr fit, erlebt Sein, Sollen und Werden in komischer Tragik.

Die Profiteure des Todes sehen sich um ihr Geschäft gebracht.

 

Das zweite Stück, das sich gerade im Entstehungsprozess befindet,

ist ein Schauspiel zur politischen Erinnerungsarbeit an das Werden der Demokratie

und ihre Republikanisierung in Deutschland mit Konsequenzen für die Gegenwart.

Autorin ist Katrin Valeska Kwapich, Lateinlehrerin an der Felix-Fechenbach-Gesamtschule.

"Es ist die Erinnerung an die Stunde Null unserer Demokratie,

an die Zivilisierungsanstrengung der experimentellen Demokratie zur Ausbildung einer menschengemäßen Republik“,

Festgemacht wird das in dem Stück an den so gegensätzlichen Brüdern Heinrich und Thomas Mann.

Heinrich, der lebenslustige, lebenshungrige Part

und Thomas, der faustisch aufbrausende, unbeherrschte Part.

 

Bezogen auf die jetzige pandemische Krise erklärt Krause:

„Man kann jetzt gut sehen, wie Demokratie funktioniert.

Der "Kompromiss" ist der zentrale Gedanke einer Demokratie.

Und eine Demokratie reagiert auf Situationen und nicht auf einzelne Führerpersönlichkeiten.“

 

Ein genauer Termin für die Aufführungen ist noch nicht geplant. Krause sagt:

„Die neuen Schauspiele werden – hoffentlich – Kinder des wiedererwachenden Kulturlebens 2021.“

 

Neueste Produktion:

2021

Das Theater Niederbarkhausen 

zeigt das Schauspiel

ZAHLTAG ... mehr Tod ist nicht

 

 Regie 

PETRA PLAKE

Autor

FRITZ U: KRAUSE

 

Das theaterniederbarkhausen spielt "Zahltag ... mehr Tod ist nicht".

nach einer Idee von Tomas Svoboda (Detmold).

 

Das Sprechtheaterstück bringt  Nachtkultur-Ansichten eines vorausgesagten Sterbetages.

Eine Wahrsagerin hat den kalendarischen Todestag eines Mannes genannt; allerdings ist das TodesJahres vergessen worden.

Das  bringt alle Jahre wieder kulturabsurde Verrücktheit in die Lebenswirklichkeit dieses Mannes.

 

Sterbeprofiteure geben sich ein Stelldichein:

der Gebührenordnungsziffern häufende Arzt,

die Nerven blanke Ehefrau

die Einfälle aufschäumende Sterbedesignerin,

der Dekor honorige Bestatter, 

der Gesprächs flotte Lebenscoach,

der asiatische Weisheitslehrer,

die Mutter des "Sterbenden" mit dem matriarchaischen Anspruch, vor dem Sohn abzutreten

u. a.

 

Jedes jährlich neu vermutete Sterbedatum erweist sich als fraglich.

Die  hormonell  jüngere Ehefrau muss die damit verbundenen Skurrilitäten ihres senilen Ehemanns durchpflegen.

Jedes Jahr hofft sie neu - aber vergebens - auf das Ende ehelicher Zumutungen.

Bänkelgesang bringt die absurde Atmosphäre auf poetisch sentimentalische  Distanz.

 

Der eigentliche Anlass real-existenzieller Trostlosigkeit wird zur Sterbe-Geschäftigkeit. 

Es ergibt sich das Bild unbeholfener Sinngebung. Der sinnleer  werdende Sterbetag gerät

zum Zerrspiegel sinnleerer Tagesgeschäftigkeit überhaupt.

Der "Sterbende" irrt zwischen Sein, Sollen und Warten mit Männerdumpfheit umher.

Seine Ehefrau durchlebt die Spanne zwischen weiblich quietschender Dessous-Party

und geschlechtslos resignativer Altenpflege.

Dick umrahmt wird alles

von der Lästigkeit der Sterbebegleiter, die "wie Fliegen auf der Leiche" sitzen.

 

Die Zuschauer erleben ein heikles Lebensthema, sehr nahegerückt und zugleich mit dem Abstand

zivilisierend künstlerischer Einsicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ehefrau begeistert bei der täglichen Altenpflege.

Petra Plake in "Zahltag" (2009)

 

Er kennt nur noch seine Bücher und seinen Hintern.

Heinrich Jürgenbehring in "Zahltag" (2009)

 

 

 

 

 

2019 abgespielt:

Im Jahr 2019 hatten wir den künstlerischen Mut, die Schande einer Kultur, die jedes Militär darstellt, mit der pragmatischen Notwendigkeit, mit der jedes Militär sich rechtfertigt, in eine deutliche Beziehung zu setzen: 

"Smarte Rekrutierung"

   Schauspiel

ABGESPIELT

Etwa 450 Zuschauer*innen haben unser Schauspiel gesehen.

Das bedeutet: Jede Veranstaltung war ausverkauft.

Wir haben eine Zusatzveranstaltung eingerichtet.

Die Presse hat sehr gute Berichte geliefert.

Es war ein poetischer Beitrag zum politischen Frieden.

Die Wiederbelebung expressionistischen Theaters ist gelungen.

Wir sind erfreut über die künstlerische Art eines zivilen Friedensbeitrags.

Unsere Bücher zum Schauspiel haben fachliches Interesse gefunden.

(Sie sind weiterhin lieferbar.)

Wir danken!

 

www.veranstaltungen-lippe.de

Das Schauspiel Smarte Rekrutierung ist das Ergebnis einer unheilvollen Ahnung, eines Unbehagens in der gegenwärtigen Gesellschaft: Aufrüstung. Es wird aufgerüstet. Mit früheren Abrüstungsverträgen wird von den Demagogen gepokert. Sie missbrauchen die Vernunft für ihre Rechthabereien. Der Konsummensch in Deutschland sieht darin einen Spielspaß. Fast 75 Jahre Frieden lassen ihn nicht ernsthaft daran glauben, dass Krieg auf seinen Boden zurückkehrt. Camouflage-Kleidung ist ihm Mode, und seine Kriegsspiele sind die Spiele, mit denen er risikobereit wird: „das Spielwort (dient) regelmäßig auch für den ernstlichen Kampf mit den Waffen” (Johan Huizinga). Die kommenden kriegerischen Auseinandersetzungen auf europäischen Boden sind Erfolgsgeschichten, so das Muster des „militanten Konsumkapitalismus”. Die smarte Rekrutierung übernehmen die Mentalitäts-Designer:

„Follow the money.”

 

 

 

 

 

Das angekündigte Buch ist in zwei

Fassungen erschienen:

 

(1)

 Fritz U. Krause  Katrin V. Kwapich

Smarte Rekrutierung / Schauspiel

Künstlerische Kontextualisierung / Essay

Theater Niederbarkhausen 2019

€ 10,00

 

(2)

Kwapich / Krause

Smarte Rekrutierung

Inszenierungstext

2019

€ 5

 

Bestellung:

Dr. F.U. Krause

Barkhauser Weg 22 

33818 Leopoldshöhe

edusei-krause@t-online.de

05202 159938

 

                     Weitere Bücher nach 2000 fürs Theater:

              F.U. Krause : Verehrung und Distanz.  2001. (zu Grabbe)               

              K. V. Kwapich : Schwester Wolke Bruder Mond.  2013 (politisches Schauspiel)

              Krause : Don Juan Donna Anna Faust. 2014 (Schauspiel-Adaption. Grabbe)

              Krause : Eine Poetik der Weiterverarbeitung.  2014  (Essay zur künstl. Adaption)

              Krause / Kwapich : Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.  2015  (zu Lasker Schüler)              

              Krause / Kwapich : Schöne Aussicht.  2017  (politisches Schauspiel / Essay)

              Krause / Kwapich : Smarte Rekrutierung. Lyrisch-politisches Schauspiel /

                                                Künstlerische Kontextualisierung. Essay.  2019 

              Kwapich / Krause : Smarte Rekrutierung Schauspiel. Inszenierungstext (2019)

              Krause : Breite Straße Demokratie. (i.V.) (Essay. Kultur-Kontingenz)

 

 

 

 

 

 Überblick über das Schauspiel

 

SMARTE REKRUTIERUNG 

 Lyrisch politisches Schauspiel

Adaption August Stramm

 

0    Niemandsland

I    Tiergarten

II   Schützengraben

III   Galerie

IV Werttod

 

 

Als der Mensch

Unter den Trümmern

seines

bombardierten Hauses

hervorgezogen wurde,

schüttelte er sich

und sagte:

Nie wieder.

 

Jedenfalls nicht gleich.

 

Günter Kunert 

 

 

Wenn ich heimkomme, lass ich mich pensionieren und werkele. Ich platze vor Werken.“

August Stramm

 

Der Hauptmann

AUGUST STRAMM

Ritter des Eisernen Kreuzes

Eingegeben zum Eisernen Kreuz erster Klasse

Kaiserlicher Postinspektor im bürgerlichen Leben

Doktor der Philosophie

Expressionistischer Dichter

der Freund

der geliebte Gatte

der fürsorglich liebende Vater

ist 

am 1. September 1915

nach siebzig überstandenen Gefechten

als LETZTER

seiner Kompanie

gefallen. (NELL WALDEN)

 

 

Hier beginnt unsere Geschichte, am Ende:

 

Am 1. September 1915 in den frühen Morgenstunden „fällt“ der Hauptmann August Stramm. Er ist DER LETZTE (Morgen an die Front). „Ein deutscher Dichter wird nicht fahnenflüchtig“. Obwohl ihm sein Verleger und guter Freund, der STURM-Galerist Herwarth Walden und dessen zweite Frau Nell (die erste war Else Lasker-Schüler) dringend dazu geraten haben, sich krank zu melden, kehrt Stramm nach einem letzten Aufenthalt in der Hauptstadt im August 1915 an die galizische/russische Front zurück. Bei seiner Rückkehr findet er nur noch Fragmente seiner Truppe vor. „Alles, was nah stand, ist fort oder tot. Leben das ist die Fläche und Tod, Tod ist der unendliche Raum dahinter.“ Herwarth Walden veranstaltet am Jahrestag seines Todes (am 01.09.1916) den ersten STURM-Abend als August-Stramm-Gedächtnisabend in den Räumen des STURM.

Welten schweigt der Raum. Welten Welten.

 

August Stramm, Jg. 1874, ist von Jugend auf geprägt durch die smarte Rekrutierung der wilhelminischen Ära, die mit größter Selbstverständlichkeit Krieg für Kaiser und Reich, Heimat und Vaterland etc. als gottgegeben propagiert (vgl. Milieustudie Berlin 1915, Familienbild Zöllner).  Als Postinspektor den Vaterspuren folgend (Vaterbrünste) strebt er beruflich wie privat eifrig voran (Schreiten Streben/Leben sehnt). Er heiratet 1902 die Schriftstellerin Else Krafft, gründet mit ihr eine Familie, zieht nach Berlin, steigt weiter auf. Die beiden Kinder Inge und Hellmuth lieben den Vater; er gilt im Freundeskreis als ein guter Kamerad im Spiel und im Ernstfall: treu, deutsch, (katholisch) und pflichtbewusst, aber auch als unkonventionell, humorvoll und eigensinnig. Der katholischen Kirche kehrt er den Rücken (Sancta Susanna, 1913) und arbeitet nach Feierabend an verschiedenen Dramenentwürfen, die alle abgelehnt werden. Im Ersten Deutschen Herbstsalon begegnet er 1913 dem Verleger, Musiker und Galeristen Herwarth Walden. (Schaudern Stehen/ Blicke suchen) Dieser animiert ihn, zu veröffentlichen. Stramm passt zwar überhaupt nicht zu der Generation der Avantgarde, er ist bereits an die vierzig Jahre, während die anderen um die zwanzig sind, verfällt dennoch dem Rausch Moderne: Marinettis Futurismus, Waldens Kunstgalerie, die rasante Entwicklung der Großstadt Berlin. Der Dichter Stramm verschließt sich der bürgerlichen Verwandtschaft, gilt bald als Sonderling, sogar als krank. Seine eigene Frau distanziert sich, erspürt femde Kräfte (fremd sein wollen, willst du das?) und wirft ihm vor, ihr Privatleben für seine „Kunst“ zu missbrauchen. Die Kinder allein dürfen in abgedunkeltem Zimmer dem Vater lauschen, besonders sein früh verstorbener Sohn Hellmuth (21 Jahre alt stirbt er kurz nach dem Vater). Stramms Werke, von Walden wieder und wieder korrigiert, entwickeln sich von naturalistischen Anfängen zu der nach seiner Dichtung benannten Wortkunst des Expressionismus. Mit fühlendem Begreifen setzt Herwarth Walden August Stramm posthum ein Denkmal als Expressionist par excellénce. Stramms Werke, die zum Teil unter den härtesten Bedingungen im Schützengraben entstanden sind, dokumentieren eindrücklich die Kriegssituation, ebenso wie seine Briefe. (Sterben wächst/Das Kommen/ Schreit!) Er leidet extrem, „keine Nacht ohne Tränen“, „zum Fürchten war alles zu furchtbar.“ Ironischerweise verstummen die Stimmen seiner Kritiker nicht, die ihm „14 Tage Schützengraben“ als Kur anempfehlen, als er bereits gefallen ist.

Tief stummen wir.

 

 Während Stramms Gesamtwerk von Herwarth Walden im STURM ediert wird und die moderne Lyrik (bis zur jüngsten Gegenwart) prägen soll, ist der Autor August Stramm heute im Prinzip vergessen (Vergessen bröckeln nach die Hände).

 

Zum Stückverlauf:

 

Das Schauspiel beginnt mit URTOD / NIEMANDSLAND in einer raum- und zeitlosen Szene eines, irgendeines kriegstraumatisierten Soldaten. Ist es Stramm? Ist es…? Ein Soldat im Niemandsland. Niemands-Land… Niemand als seine eigenen Stimmen vernehmen ihn. Drei Frauen treten auf: mütterlich, fraulich, jugendlich, umschmeicheln ihn, necken ihn, er schläft ein.

 

Der Vorhang hebt sich:

 

1. Station: TIERGARTEN 

 

Wir befinden uns im 3. Kriegsjahr des Ersten Weltkrieges, 1917. Frühlingsgefühle eines greifbar nahen Friedens verleiten eine Truppe von Akrobaten und Kabarettisten im Tiergarten Berlin zu provokativen Anti-Kriegs-Liedern und Kunststücken: Kopf ab zum Gebet!

Inmitten der Tiergartenbesucher sitzt der Soldat (Stramm), beobachtet das Geschehen zwischen Dirnen und Damen, Veteranen und Straßenkünstlern. Der junge Mann (ein jüngerer Stramm) verfolgt ein Mädchen und wird selbst von den Dirnen eingefangen (Lichte dirnen aus den Fenstern), smart rekrutiert und am nächsten Tag an die Front geschickt. Dem Soldaten (Stramm) begegnet seine Frau (Else); im abendlichen Tiergarten überkreuzen sich die Wege der Paare (Gab dir soviel, tändelndes Spiel - Dein Gehen lächelt in mich über…), eine Sängerin tritt auf (Abend).

 

Pause

 

 

2. Station: SCHÜTZENGRABEN

Es ist Krieg!

Was bei Kriegsausbruch 1914 Europas intellektuelle Avantgarde noch in einen Freudentaumel stürzt (Krieg muss sein! Jetzt kommen wir Jungen mit ehernen Zungen), wird schon wenig später als „Urkatastrophe der Menschheit“ in die Geschichtsbücher eingehen. 1917 ruft der Papst zum Weltfrieden auf. Dennoch wurden und werden die Schlangen vor den Rekrutierungsbüros nicht kleiner! Der Zuginsfeld führt musikalisch-grotestk die smarte Rekrutierung vor, mit der auch die heutige Bundeswehr junge Leute von der Schulbank auf die Schlachtbank des Schützengrabens lockt, bevorzugt gen Osten. 

Es spielt dabei eigentlich keine Rolle, ob sich die Front in Syrien, Irak, Israel, Afghanistan, auf der Krim, in Weißrussland, Georgien, Russland, Galizien oder -  wie 1917/18  - in Frankreich befindet. Dank der low intensity wars und internationalem Terrorismus ist Krieg keinerlei Grenze gesetzt.

Treue um Treue… Ehre und Stärke…, ob Römer, Pickelhauben, Nazis - die Slogans haben sich bewährt. Und man schämt sich nicht mal dafür, sondern schreibt sie sich auf den Helm (Vier Tage im November). 

Gott ist groß! Und es ist eine Ehre für die Heimat, fürs Vaterland, für seinen Glauben, für… zu sterben. Allahu akbar/Satan get ya! -  Übergroß treten hinter den Kämpfern Kriegsavatare auf: Ava und Golem, stellvertretend für den konservativen und den modernen Krieg. Die beiden Soldaten (Stramm und sein jüngeres alter ego, der junge Mann) halten Nachtwache im Unterstand. Sie sind übrig geblieben nach dem satanischen Dialog. In ihre Ängste und Träume schreiten die Frauen aus der Eingangsszene. Sie stöbern im letzten männlichen Refugium herum, lesen Briefe, verhöhnen und überhöhen die Soldaten. Sie sind Mutter und Weib, Schwester und Geliebte, Dirne und Dame. Frauen schreiten ab zersehnte Augen…

 

Nach der Schlacht hält Golem - ein Generalissimus des alten Krieges - auf gewohnt männlich-präsidiale Art Kriegsrat im Kasino. Die beiden Soldaten rapportieren den Schlachtverlauf - es ist August Stramms letzte Schlacht -, Golem fantasiert von Harmageddon. Da betritt Ava die Szene und blendet alle Anwesenden durch transhumane Schönheit: Ich bin das Weib! Mich kennt die Welt! Golem stürzt vor Avas überlegenen (weiblichen) Waffen, Mann fällt über Frau, Frau über Mann, die Welt erlischt…

 

 

3. Station: GALERIE DER STURM

 

Zurück in das Eochejahr 1917/18: In Berlin schreibt der STURM mitten im Krieg Erfolgsgeschichte. In der GALERIE WALDEN ist Kunst Krieg. Walden legt sich mit der Kunstkritikerin an, Nell Walden singt ein Loblied auf den STURM und plötzlich erscheint August Stramm unter den erlesenen Gästen. Er, der Gefallene, sorgt sich um die Lebenden. vergeblich. Sie überhören seine Warnung vor der Unmenschlichkeit des Krieges, schieben den Toten beiseite und hasten polternd Worte drauf. Marinettis Auftritt im Aeroplan setzt dem ganzen die Krone auf. Die euphorisierte camoufliert Menge heiligt den Krieg und den Terror als „einzige Hygiene der Menschheit“, fast and furious.

Else Lasker-Schüler und August Stramm werden beiseite gedrängt: Es ist ein Weinen in der Welt als ob der liebe Gott gestorben wär… Die Warnungen vor dem Krieg sind vergebens. Immer schon. Gestern. Heute. Morgen…

 

- dunkel -

 

WERTTOD

Mit dem Choral „Werttod“ beschließen wir unser Stück. Wie ein Epilog eines griechischen Chores soll der Choral von allen Darstellern gesungen werden. Sie verlassen dafür ihre Rollen, nehmen ihre Camouflage-Kleidung und Masken ab. 

 

WERTTOD und URTOD bilden den Rahmen des Schauspiels.

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Smarte Rekrutierung

Schauspiel zur überzeitlichen Militanz

Schauspiel zum Konsumkapitalismus

Schauspiel zum militanten Konsumkapitalismus

 

Kontextuale Idee und kotextuale Collage: 

Katrin V. Kwapich, Fritz U. Krause

 

Collagierte, adaptierte  Texte: 

Gottfried Benn.August Stramm.Else Lasker-Schüler.Herwarth Walden u.a.

 

Musik:                                     Bildwerk:

Peter Ewers                            Petra Plake

 

Mitwirkende:

Peter Ewers. Peter Hebeisen. Katrin Kwapich. Uta Ober. Silja Ober. Ingrid Parschau. Jonas Parschau. Petra Plake. Gudrun Scheffer. Veronike Seewald

 

Bühne und Technik:

Dirk Wehmeier

 

 

 

 

 

 

 

 

„Kunst kreist die Menschheit in ihrem All”

Herwarth Walden

 

Künstlerische Kontextualisierung kreist Ordnung in ihrem Zufall 

Theater Niederbarkhausen

 

Die evolutionär zufällige Welt bekommt vom „Zufall Mensch” zufällige Ordnungszuweisungen. Statt von „Wahrheit” der Erkenntnis wollen wir deshalb von dem Relativismus „zufälliger Einsichtszustände”sprechen. Als einen solchen Zustand verstehen wir den militanten Konsumkapitalismus, der im  Schauspiel 17/18 smarte rekrutierung als gegenwärtige Leitkultur einsichtig erscheinen soll. 

 

Mit fühlendem Begreifen beginnen Einsichtszustände, so will es der Galerist des Expressionismus Herwarth Walden. Sie bleiben in der Kunst vorbegrifflich, da sie sich dem „Unbegreiflichen” zuwenden. Sie bleiben „unbegreiflbar”, da die Kunst keine Aussagen macht und damit keine zustimmende oder ablehnende Argumentation kennt. 

 

Das Schauspiel begegnet dem militanten Konsumkapitalismus mit fühlendem Begreifen. Das Begreifen stellt sich seinem Zufall, besteht aber auf der Gewissheit, dass bei diesem Zustand idealisiertes „Menschenwürdiges” ein Zufall wäre.               

 

Das Schauspiel Smarte Rekrutierung ist eine lyrisch-politisch musikalische  Hommage des Theaters Niederbarkhausen an den im Ersten Weltkrieg gefallenen westfälischen Expressionisten August Stramm (1874-1915).  

 

Ausgewählte Liebes- und Kriegsgedichte von August Stramm werden dialogisch zusammengefügt. Der deklamatorische Charakter seiner Wortkunst und Schreiattitüde wird dabei gewahrt. In Haltung, Gebärde, Gesinnung und in künstlerischer Schaffenstechnik erkennen wir expressionistischen Zeitgeist wieder. Offenbart sich das frühe 20. Jahrhundert in seiner mentalen Kriegseuphorie, so bietet sich im 21. Jahrhundert erneut smart rekrutierte Friedensleugnung als menschheitliche Botschaft an. So erfahren wir heute neue Aggressionsmoden und Friedenslügen sowie bekannten, hergebrachten Transzendenzbetrug. Von „Transzendenz” wird im Folgenden immer dann gesprochen, wenn ganzheitliche Ideen, obwohl jenseits aller Erfahrung liegend, als Leitkulturen propagiert werden. „Transzendenzen” werden intuitiv wahrgenommen; sie weichen damit der kritischen Vernunft aus.

Zur Intuition der Menschen gehört, „Kampf” und „Liebe” als angeborene Wertegewissheiten der Schöpfung anzusehen und alle Zustandsvarianten bis hin zur Selbstpervertierung als unvermeidbare Notwendigkeit hinzunehmen. Im Schauspiel 17/18 smarte rekrutierung werden „Kampf” und „Liebe” vorherrschend als „harte und softe Gewalt” angesehen. Sie sind in dem Gottesgeschöpf „Golem” und in dem Menschengeschöpf „Ava” versinnlicht. Am Ende des Schauspiels vereinigen sich beide in „Brutalität” und in „Heiterkeit” zu einem Gewalt-Androiden, der als neuer Gott die Transzendenz des konsumkapitalistischen Anthropozäns vertritt. 

 

Die Lyrik Stramms verweigert mit der abweisenden Geste des „Schreis” den ausdrücklichen Zugang. Das Schauspiel 17/18 smarte Rekrutierung zeigt sich als recht zynischer und „schamzerpörter” Gegenfüßler (Antipode) zur smarten Rekrutierung für Konsumkapitalismus und für autokratischen Militarismus.

 

Um das bleibende Unverständnis nicht als störend zu empfinden, ihm sogar auszuweichen, beschränkt sich der Normalkonsument auf die äußere Kennerschaft poetischer Texte. So reicht etwa die sprichwörtliche Namennennung „Rilke” aus, um poetisch zufriedenzustellen. Der Name „August Stramm” kann mit seiner antibürgerlichen Wortkunst nur zur Attitüde eines beruhigenden Bildungsanspruchs werden.

 

  Schwermut (Stramm)

 

  schreiten streben

  leben sehnt

  schauern stehen

  blicke suchen

  sterben wächst

  das kommen schreit!

  tief

  stummen

  wir.

  

Vor dieses Bild drängt sich das Unbehagen in die alltägliche Kultur der Rekrutierung für die Kriege der Zukunft. Weibliche Suche nach privater Anerkennung in einer Gemeinschaft; männliche Suche nach öffentlicher Geltung in der Gesellschaft. Beider Streben wird enttäuscht. 

 

In August Stramms Gedicht „SCHWERMUT“ sind „Liebe Trennung Weisheit Tod” als Romanstufen des Lebens miteinander verwoben:

 

SCHREITEN STREBEN LEBEN SEHNT, 

die stolze, lebensbejahende Erwartung eines noch unbekannten, aber sich gewisslich einstellenden Lebensziels

 

SCHAUERN STEHEN BLICKE SUCHEN,

das ausbleibende Lebensziel dämpft die Lebenszuversicht und löst eine verängstigte Suche aus

 

STERBEN WÄCHST 

Das Lebensziel zeigt sich nicht und die Lebenskraft lässt nach

 

DAS KOMMEN SCHREIT,

völlig Unerwartetes und Lebensfeindliches kommt, ereignet sich, erschreckt zu tiefst

 

TIEF STUMMEN WIR.

 

Das Sterben vollzieht sich endgültig: Lebensende macht unsichtbar.

 



Milieustudie Frauenstatus 1915 Berlin zu "Smarte Rekrutierung"

Milieustudie Frauenstatus 2019 Bundeswehr

 

 

Konzeptionelle Hinweise

 

75 Jahre Frieden hätten dazu reichen können, dass die Menschen sich vernünftig einrichten. Vernunft sei hier als das Vermögen verstanden, Bestehendes skeptisch zurückzufragen. Aber alles Gesellschaftliche scheint  schlechter zu werden, unangenehmer; nirgends ist ein Handelnder, der "nachhaltig" Vertrauen zu verdienen scheint. Die Gesellschaft akzeptiert sogar Gesellschaftsverbrechen, wenn sie von Erfolgs-Glamour begleitet sind.

Aufrüstung, Symptom geistigen Niedergangs, hat man lange verhindern können. Mit Freude las man, dass Panzer und Flugzeuge der Bundeswehr nicht einsatzfähig sind. Man hoffte, das Ziel aller intranationalen Demokratiebewegungen sei verstanden, Frieden zu schaffen ohne Waffen. Doch die Kapitalbereitstellung für eine Europaarmee und die Aufwertung der Bundeswehr sprechen dagegen. Dabei ist weniger die Gefahr von außen maßgebend, vielmehr kommt dem Konsumkapitalismus Aufrüstung als ergiebige Gewinninnovation passend. Aufrüstung wird als gesellschaftsfähig beworben. 

 

 

 

Besonderheit künstlerischer Zustände:

(gesammelte Inszenierungsbemerkungen)

Kunst kennt keine Verbindlichkeit

Kunst ist neutral gegenüber technischer Perfektion

Kunst bringt nichts auf den Begriff  >  fühlendes Begreifen

Kunst argumentiert nicht, kennt kein "Richtig" und kein "Falsch"

Kunst kennt Wahrheit nur als Wirkung

Kunst verachtet die Sensation

Kunst löst erfreuende Irritation aus

Kunst ist immoralisch (nicht amoralisch)

Kunst ist abständig, meidet alle gemeinschaftichen Gefühle

Kunst ist Teil gesellschaftlicher Diversität

Kunst ist zivilgesellschaftliche Selbstreinigung von Kumpanei

Kunst empfindet ihre Verehrer als Stalker

Kunst will keinen Konsum, nur Koproduktion

Kunst ist Weiterverarbeitung und Neuformung

Kunstkenner weichen dem Kunstverstehen aus

Kunst empfindet metaphysische Bekenntnisse als Betrug

Kunst ist auf der Suche nach Sinnwelten

Kunst will Assemblage, scheut Netzwerke

Kunst sucht anthropologische Bestätigung

Kunst lebt die Kontingenz der kulturellen Evolution 

Kunst gehört zur materiellen Kultur

Kunst setzt auf den Eigensinn ihrer Sachen

Kunst ist auf gutem Fuß mit der Vergeblichkeit

Kunst erkennt Perfektionierung als Vitalverlust

Kunst lebt im unerhörten Augenblick

Kunst ist Augenblickssache

Kunst verachtet die Unterhaltung als Amoral

Kunst sieht in der Moral interessegeleitete Macht

Wer vor der Kunst Haltung annimmt, Namen; Titel, Ismus nennt, 

ist nicht in der Galerie, sondern auf dem Markt der Eitelkeiten.

Kunst und Kommerz zu trennen wird heute als amoralisch verstanden.

 

Freier Eintritt der vernehmender Vernunft.

 

 

 

August Stramm und Herwarth Walden mit der Wortkunst des STURM-KREIS, BERLIN in poetischer Weiterverarbeitung / Adaption

 

UNSERE KUNSTEINSTELLUNG 

THEATER 2019

Kunst hatte traditionell die Aufgabe: prodesse et delectare (Horaz). Sie sollte sogar „Wahrheit”

transportieren; zumindest den Menschen vernunftgemäß „veredeln” (Schiller). Kunst hatte

somit eine den Menschen seelisch / geistig  ”erziehende” Aufgabe überhaupt. Die reinigende

Katharsis-Funktion bestand über Jahrhundert darin. (Bei vielen dank Schulbildung bis heute.)

Etwa 1818 (Victor Cousin) beginnt die Autonomisierung der Kunst(> L`àrt pour l`art). Nun hat die

Kunst eine immoralische (nicht amoralische) Funktion. Sie gibt den erziehenden Charakter auf.

Sie weicht von der Norm (von den gültigen Regelungen) ab, hin zu einer positiven Irritation.

Diese Immoralität hat keinen provozierenden Zweck, sondern nur eine vitalisierende, schöpferisch

genugtuende Wirkung, die von der Ignoranz aller Wahrheitsansprüche befreit. Sie tritt damit in

Gegensatz zu allen Selbstverständlichkeiten und  metaphysischen Essentialismen. Kunst kennt

nicht „richtig” und „falsch” und „wahr”. Sie ist somit grundsätzlich argumentationsfremd.

(Kein Gedicht ist richtig.) Sie setzt - wie wir es im Theater praktizieren - auf ein „fühlendes Begreifen”

durch künstlerisches Konzeptualisieren. (Sieh Buch zu SMARTE REKRUTIERUNG.)

Die Abweichung von der Norm in der Kunst (Immoralität) ist eine die  Menschenwürde stabilisierende

Freiheit. Sie soll als humanisierende Reaktion auf die grundsätzlich kontingente Existenz auf diesem

Planeten zu verstehen sein. Die Kontingenz (zentrale Annahme der Evolution) fordert das Aufgeben

aller Gewissheiten (in Religion, Moral, Wissenschaft, Karl Popper) zugleich die Anerkennung ihres

experimentellen Charakters. Das immoralische Kontextualisieren schafft als pragmatische Einstellung

ein geregeltes Verhältnis zu dem, was auf diesem Planeten nicht zu regeln ist.

Beibehalten ist somit der Katharsis-Charakter der Kunst (nur neu verstanden), denn die Irritation

durch Immoralität hat eine Beruhigungs- und  Ausgleichs-Funktion. Sie dient dazu, der kontingenten

Evolution mit einem individualisierten, autonomen Menschendasein zu begegnen, geltend gesetzt

für den jetzigen Augenblick.

 

 

-- 

Kunstproduktion

als Staffelung des Zugriffs

 

 Ein AUTOR` nutzt gegebenes MATERIAL und produziert

mittels seiner künstlerischen Konzeptionalisierung

ein THEATERSTÜCK.

Das Theaterstück gehört dem Autor.

 

Ein REGISSEUR` nutzt die Mehrdeutigkeit des Stücks und produziert

mittels seiner künstlerischen Konzeptionalisierung

eine ideelle AUFFÜHRUNG.

Die  ideelle Aufführung gehört dem Regisseur`.

 

Die SCHAUSPIELER` nutzen die ideelle Aufführung und produzieren

mittels ihrer künstlerischen Konzeptualisierung

eine reale AUFFÜHRUNG.

Die reale Aufführung gehört den Schauspieler`n.

 

Die ZUSCHAUER nutzen die reale Aufführung und produzieren

mittels ihrer künstlerischen Konzeptualisierung

ein wirkungsträchtiges THEATERERLEBNIS.

Das Theaterstück gehört den Zuschauer`n.

 

 Das perspektivische KÜNSTLERISCHE KONZEPTUALISIEREN ist der schöpferische Prozess.

WIRKUNG ist sein Ziel. Alle Beteiligten tragen ihre künstlerische Verantwortung für das Gelingen.

Kunst kennt keinen Konsum.